Sexualtherapie ist eine Behandlung, in der du mit einer ausgebildeten Fachperson über sexuelle Schwierigkeiten sprichst und gezielt an ihnen arbeitest, allein oder gemeinsam mit deinem Gegenüber. Viele warten damit lange, weil Sex immer noch als etwas gilt, das man irgendwie selbst hinbekommen müsste.
Bleibt die Frage, was in so einer Therapie eigentlich passiert: welche Themen dort Platz haben, wie die Sitzungen aussehen, welche Übungen dazugehören und wer das bezahlt. Und wie du unter vielen Angeboten seriöse Fachleute erkennst.
Was ist Sexualtherapie?
Sexualtherapie ist eine gesprächs- und übungsbasierte Behandlung sexueller Probleme, bei der es keinen körperlichen Kontakt mit der therapierenden Person gibt. Du redest, bekommst Wissen vermittelt und nimmst Aufgaben für zu Hause mit.
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Jetzt ausprobieren →Das Ziel ist nicht eine bestimmte Art von Sex. Es geht darum, Druck, Angst und Scham abzubauen, den eigenen Körper besser zu verstehen und wieder Zugang zu dem zu finden, was sich für dich stimmig anfühlt.
Drei Angebote werden häufig verwechselt:
- Sexualberatung. Kürzer und niedrigschwellig, oft in Beratungsstellen. Sie beantwortet Fragen und zeigt nächste Schritte auf.
- Paartherapie. Sie schaut auf die ganze Beziehung, also Konflikte, Alltag und Kommunikation. Sex kann Thema sein, muss aber nicht.
- Sexualmedizin. Hier arbeiten Ärztinnen und Ärzte, die körperliche Ursachen untersuchen und medizinisch behandeln. Gute Sexualmedizin bezieht die Psyche mit ein, gute Sexualtherapie den Körper.
Viele Praxen bieten Paar- und Sexualtherapie aus einer Hand an, weil sich beides überschneidet.
Bei welchen Themen hilft eine Sexualtherapie?
Eine Sexualtherapie hilft bei fast allem, was dein sexuelles Erleben dauerhaft belastet, ob die Ursache nun im Körper, im Kopf oder in der Beziehung liegt. Typische Anlässe:
- Lustlosigkeit. Das Verlangen fehlt länger, und das stört dich. Die häufigsten Ursachen sexueller Unlust kannst du vorab nachlesen.
- Unterschiedliches Verlangen. Eine Person möchte öfter, die andere seltener. Wie Paare eine Verlangenslücke in der Beziehung überbrücken, ist ein klassisches Therapiethema.
- Erektionsprobleme und früher Samenerguss. Gerade Erektionsprobleme bei jungen Männern haben oft mit Leistungsangst zu tun.
- Orgasmusschwierigkeiten. Gar kein Orgasmus, nur allein oder nur auf eine ganz bestimmte Weise.
- Schmerzen und Vaginismus. Beim Vaginismus spannt sich die Muskulatur am Scheideneingang unwillkürlich an. Was bei Vaginismus wirklich hilft, lässt sich mit Begleitung gut üben.
- Scham und Unsicherheit. Etwa mit dem eigenen Körper, mit Fantasien oder mit wenig Erfahrung.
- Orientierung und Identität. Fragen dazu, wen du begehrst oder wer du bist, ohne dass dir jemand eine Richtung vorgibt.
- Zwanghaftes Sexualverhalten. Wenn sich Sex oder Pornonutzung wie ein Zwang anfühlt.
Hängen deine Schwierigkeiten mit sexualisierter Gewalt zusammen, such gezielt nach Fachleuten mit Traumaerfahrung. Sie achten darauf, dass die Arbeit dich stabilisiert und nicht überrollt.
Wie läuft eine Sexualtherapie ab?
Eine Sexualtherapie beginnt mit einem Erstgespräch, danach folgen Sitzungen mit Gesprächen und Übungen, die du zwischen den Terminen umsetzt. Wie lange das dauert, ist sehr unterschiedlich: Manchen helfen wenige Termine, andere arbeiten über viele Monate an einem Thema.
- Erstgespräch. Du erzählst, was dich herführt, und prüfst, ob ihr zusammenarbeiten wollt.
- Anamnese. Genauere Fragen zu Verlauf, Beziehung, Gesundheit und sexueller Geschichte. Wie viel du preisgibst, entscheidest du.
- Körperliche Abklärung. Bei Erektionsproblemen, Schmerzen oder plötzlichem Lustverlust gehört vorab ein ärztlicher Check dazu. Erektionsstörungen können ein frühes Zeichen für Gefäßerkrankungen sein, manche Medikamente dämpfen die Lust, und hinter Schmerzen stecken mitunter Entzündungen oder eine Endometriose, die Sex schmerzhaft macht.
- Gespräche. Es geht um Wissen, Gedankenmuster, Ängste und die Beziehung.
- Übungen für zu Hause. Kleine, klar umrissene Aufgaben, die ihr in der nächsten Sitzung gemeinsam auswertet.
Welche praktischen Übungen gibt es in der Sexualtherapie?
Die bekannteste Übung der Sexualtherapie ist Sensate Focus, auf Deutsch oft Sensualitätstraining genannt, entwickelt von William Masters und Virginia Johnson. Sie nimmt Leistungsdruck heraus, weil Erregung und Orgasmus ausdrücklich nicht das Ziel sind.
Sensate Focus Schritt für Schritt
- Vereinbarung treffen. Ihr verzichtet für eine Weile bewusst auf Geschlechtsverkehr. Das klingt widersinnig, nimmt aber genau den Druck, der blockiert.
- Berühren ohne Brust und Genitalien. Abwechselnd berührt eine Person die andere. Wer berührt, achtet auf Haut und Wärme, wer berührt wird, nimmt wahr und sagt Stopp, wenn etwas unangenehm ist.
- Rückmeldung geben. Danach erzählt ihr euch, was sich gut angefühlt hat und was nicht, ohne zu bewerten oder euch zu rechtfertigen.
- Brust und Genitalien einbeziehen. Erst wenn das entspannt läuft, kommen diese Zonen dazu, weiterhin ohne Ziel.
- Schrittweise zurück zum Sex. Später probiert ihr aus, was ihr beide wollt. Lust entsteht oft leichter, wenn niemand sie erzwingen muss.
Das Tempo legt ihr gemeinsam mit der Therapeutin oder dem Therapeuten fest. Rückschritte sind normal und kein Zeichen von Scheitern.
Körperwahrnehmung
Viele Übungen funktionieren auch allein: den eigenen Körper ohne innere Kritik betrachten, sich bewusst berühren, Atmung und Beckenboden spüren. Das ist besonders hilfreich, weil das Körperbild die Lust stärker prägt, als viele vermuten.
Gesprächsübungen
Paare üben etwa, Wünsche und Grenzen in Ich-Sätzen auszusprechen oder sich abwechselnd zuzuhören, ohne zu unterbrechen. So lernt ihr nach und nach, über Sex zu reden, ohne dass es peinlich wird.
Übungen aus Büchern oder dem Netz können ein Anfang sein. Am meisten bringen sie mit Begleitung, weil dann jemand mit dir auswertet, was passiert ist, und das Tempo anpasst.
Sexualtherapie allein oder als Paar: Was ist sinnvoller?
Sexualtherapie ist allein genauso sinnvoll wie als Paar, entscheidend ist, wo das Problem sitzt und was du dir wünschst. Du brauchst keine Beziehung, um dir Unterstützung zu holen.
Allein ist sie oft die bessere Wahl, wenn:
- Das Thema vor allem dich betrifft. Etwa Scham, ein schwieriges Verhältnis zum eigenen Körper, Orgasmusprobleme oder Fragen zu Orientierung und Identität.
- Du Single bist oder dein Gegenüber nicht mitkommen will. Auch Veränderungen bei nur einer Person wirken oft auf eine Beziehung zurück.
- Du einen geschützten Raum brauchst. Manches erzählt sich leichter, wenn niemand danebensitzt, etwa Gewalterfahrungen oder verunsichernde Fantasien.
Als Paar lohnt sie sich vor allem, wenn:
- Beide unter der Situation leiden. Etwa bei unterschiedlichem Verlangen oder wenn Sex zum Streitthema geworden ist.
- Sich Muster eingeschliffen haben. Eine Person drängt, die andere zieht sich zurück, und keiner kommt aus der Rolle heraus.
- Übungen wie Sensate Focus geplant sind. Die funktionieren nur, wenn beide mitmachen.
Mischformen sind üblich: Ihr startet gemeinsam und habt zwischendurch Einzeltermine, oder es läuft umgekehrt.
Was kostet Sexualtherapie und zahlt die Krankenkasse?
Sexualtherapie als solche ist in Deutschland in der Regel keine Kassenleistung, du bezahlst sie also meist privat. Die Honorare unterscheiden sich je nach Region, Ausbildung und Sitzungslänge stark, frag den Preis also vorab direkt.
Es gibt Ausnahmen und günstigere Wege:
- Kassenfinanzierte Psychotherapie. Wird eine behandlungsbedürftige Störung diagnostiziert, etwa eine sexuelle Funktionsstörung, kann die Kasse eine Psychotherapie bei approbierten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Kassenzulassung bezahlen.
- Ärztliche Behandlung. Untersuchungen und Behandlungen etwa in der Urologie oder Gynäkologie laufen über die Kasse, soweit sie zum Leistungskatalog gehören.
- Private Krankenversicherung. Hier entscheidet dein Tarif. Lass dir eine Zusage vorher schriftlich geben.
- Beratungsstellen. pro familia und andere Beratungsstellen bieten oft kostenlose oder günstige Sexualberatung an. Das ersetzt keine Therapie, ist aber ein guter erster Schritt.
Wie finde ich eine gute Sexualtherapeutin oder einen guten Sexualtherapeuten?
Eine gute Sexualtherapeutin oder einen guten Sexualtherapeuten findest du, indem du gezielt nach Grundberuf und Weiterbildung fragst, denn „Sexualtherapeut“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Theoretisch darf sich jede Person so nennen.
- Grundberuf. Seriöse Fachleute kommen meist aus Psychotherapie, Medizin, Psychologie oder Sozialpädagogik.
- Weiterbildung. Solide sexualtherapeutische Weiterbildungen laufen berufsbegleitend über längere Zeit und schließen meist Supervision ein. Ein Wochenendkurs reicht nicht.
- Verzeichnisse. Fachgesellschaften für Sexualwissenschaft und Sexualtherapie führen Listen weitergebildeter Mitglieder, Therapieportale lassen sich nach Schwerpunkt und Ort filtern.
- Erstgespräch als Probe. Prüf beim ersten Termin, ob du dich wohlfühlst. Du darfst danach absagen und weitersuchen.
Wer nach Sexualtherapie in der Nähe sucht, findet in Berlin, Hamburg, München oder Köln mehr Angebote als auf dem Land, Wartezeiten gibt es aber auch dort. Ist vor Ort nichts Passendes dabei, ist Online-Sexualtherapie per Video eine echte Option, sofern die Qualifikation stimmt.
Woran merke ich, dass die Therapie passt?
Die Therapie passt, wenn du dich respektiert fühlst, offen sprechen kannst und das Tempo mitbestimmst, auch wenn einzelne Sitzungen anstrengend sind. Unangenehme Gefühle gehören manchmal dazu, Angst vor der therapierenden Person nicht.
Gute Zeichen: Du verstehst, wozu eine Übung dient, ein Nein wird akzeptiert, und ihr sprecht über Ziele und Fortschritte.
Diese Warnsignale solltest du ernst nehmen:
- Grenzüberschreitung. Körperliche oder sexuelle Annäherung durch die therapierende Person ist nie Teil einer Behandlung. Bei approbierten Fachleuten kannst du dich an die zuständige Kammer wenden.
- Druck. Du sollst Übungen machen, die du ablehnst, oder dich für deine Gefühle rechtfertigen.
- Heilsversprechen. Garantien, schnelle Wunder oder eine Methode, die angeblich bei allen wirkt.
- Abwertung. Deine Orientierung, deine Identität oder deine Fantasien werden wie etwas behandelt, das weg muss.
Checkliste: Sexualtherapie beginnen
- Ich habe notiert, was mich belastet, seit wann es so ist und was ich mir anders wünsche.
- Ich lasse körperliche Ursachen ärztlich abklären, wenn Schmerzen, Erektionsprobleme oder plötzlicher Lustverlust dabei sind.
- Ich frage jede Fachperson nach ihrem Grundberuf und ihrer sexualtherapeutischen Weiterbildung.
- Ich kläre vor dem ersten Termin, was eine Sitzung kostet und ob meine Versicherung etwas übernimmt.
- Ich nutze das Erstgespräch, um zu prüfen, ob ich mich dort sicher und ernst genommen fühle.



